Wie schmeckt Geschichte?
Wie ein Urkorn aus der Ukraine nach Nordamerika und wieder zurück nach Europa kommt.
Als Mennoniten im 18. Jahrhundert in Westpreußen zum Militärdienst eingezogen werden sollten und auch kein Land mehr kaufen durften, suchten viele eine neue Heimat. Die russische Zarin Katharina II. lud die Glaubensflüchtlinge in die Ukraine ein. Dort fanden sie nicht nur die Weite des Landes, sondern auch ein Urkorn vor, den türkischen Rotweizen. Dabei handelt es sich um eine robuste Herbstweizensorte, die hervorragendes Brotmehl mit guten Backeigenschaften liefert und sich durch einen außergewöhnlichen Geschmack auszeichnet.
Wiederum auf der Flucht vor dem Wehrdienst zogen Mennoniten im 19. Jahrhundert aus der Ukraine nach Nordamerika. Sie nahmen den Rotweizen mit, eingenäht in Saum und Taschen. So wurde er zum Brot des Über-Lebens in der neuen Heimat, in Ohio, USA, und in Manitoba, Kanada. Bernhard Warkentin brachte den Rotweizen auch nach Kansas, USA, wo der Rotweizen in dem eher rauen Klima gut gedieh. Die Einführung des Rotweizens führte zu einer erheblichen Steigerung der Weizenproduktion in der Region.
Der Landwirt Menno de Fries aus den Niederlanden wurde auf die lange Geschichte des Weizens aufmerksam, machte ihn in Ohio, USA, ausfindig und ließ sich Saatgut schicken. Dies säte er 2018 in Witmarsum, dem Heimatort von Menno Simons, in Friesland aus. Von der Ernte übergab er dem Mennonitischen Geschichtsverein einige Kilo Saatgut. So konnte der Weizen auch in Deutschland angebaut werden.
Die Landwirte Dieter Backes und Daniel Hege kümmerten sich 2024/2025 auf dem Kohlhof/Pfalz um Aussaat und Ernte. Familie Blickensdörfer verarbeitete das Korn zu Brot. Und so entstand das „Menno-Brot“, ein kräftig schmeckendes Weizenbrot. Es wurde im September 2025 an die Gäste des Festgottesdienstes zu „500 Jahre Täuferbewegung“ in Hamburg ausgeteilt.
Geerntet, gemahlen, gebacken, genossen – das Urkorn erinnert an das Brot des Über-Lebens der mennonitischen Flüchtlinge. So schmeckt Geschichte!
