Sonntagsschule Baptistengemeinde Jever

Hinsehen und Handeln
Vor 200 Jahren gründen Baptisten die erste Sonntagsschule in Deutschland als Antwort auf die sozialen Missstände der Zeit.

Der Anstoß kam aus England: Der Zeitungsverleger und Druckereibesitzer Robert Raikes (1735-1811) hatte in der englischen Industriestadt Gloucester 1780 die erste „Sunday School“ Englands gegründet. Sie eröffnete Kindern, die damals unter der Woche unter gefährlichen Arbeitsbedingungen in den Bergwerken arbeiteten, am einzigen arbeitsfreien Tag der Woche, dem Sonntag, den Zugang zu Bildung. Anhand der Bibel konnten Kinder und Jugendliche Lesen und Schreiben lernen und mit christlichen Überzeugungen vertraut werden. In der Sonntagsschule verknüpften sich damit pädagogische, diakonische, soziale und missionarische Ziele. Rasch verbreitete sich die Idee, und so entstanden auch an anderen Orten Englands neue Sonntagsschulen.

Johann Wilhelm Rautenberg und seine Familie
Johann Wilhelm Rautenberg und seine Familie, 1833

Der Begründer des deutschen Baptismus, Johann Gerhard Oncken (1800–1884), lernte die Sonntagsschularbeit kennen, als er als 14jähriger Bediensteter des schottischen Kaufmanns John Walker Anderson nach England kam. Als er 1823 als Bibel-Kolporteur der englischen „Continental Society“, einer „Gesellschaft zur Förderung des Reiches Gottes auf dem Kontinent“, nach Hamburg zurückkehrte, brachte er die Idee der Sonntagsschule mit nach Deutschland. Zusammen mit Johann Wilhelm Rautenberg (1791-1865), dem lutherischen Pfarrer in der Hamburger Arbeiter-Vorstadt St. Georg, und mit finanzieller Unterstützung seiner Missionsgesellschaft gründete Oncken 1825 die erste deutsche Sonntagsschule.

Deren Ziele wurden so beschrieben:

  1. „Kinder beiderlei Geschlechts vom Anfang des sechsten Lebensjahres an, welche wegen Armut ihrer Eltern oder Pflegeeltern die Wochenschule nur sparsam oder gar nicht besuchen, bilden die Schüler der Anstalt. (…)
  2. Der Unterricht beschränkt sich auf die Lesekunst und die Erkenntnis der Schrift, bei dem Religionsunterricht werden außer der Bibel der Kleine Katechismus Luthers und das Gesangbuch benutzt.
  3. Die Mühe des Unterrichts übernehmen christliche Freunde der Sache gratis (…).
  4. Zwei oder drei Stunden sonntäglich sind dem eigentlichen Unterricht bestimmt, wobei die Einrichtung so getroffen wird, dass die Kinder vom Besuch des öffentlichen Gottesdienstes durchaus nicht abgehalten werden; vielmehr werden die Lehrer und Lehrerinnen sie dazu auf das ernstlichste anhalten.
  5. Die verhältnismäßig geringen Kosten der Anstalt werden aus milden Gaben bestritten (…).
  6. Der Zweck dieser Schule ist nach dem Gesagten klar. Sie will den Armenschulen zur Seite stehen, zur gewissenhaften Benutzung derselben Kinder und Eltern ernstlich ermahnen; Lücken, welche diese unvermeidlich lassen, bestens ausfüllen, und vielen verwahrlosten Kindern, die auch bei der besten Organisation eines möglichen Schulzwanges nicht hinreichend in die Wochenschulen zu bringen sind, mindesten das eine Notwendige mitteilen, die Erkenntnis Gottes und ihres Heilandes. Und dann will sie all ihren Zöglingen den heiligen Sonntag, der leider für unsere häufig sich selbst überlassene Jugend nur zu oft ein Sündentag wird, wirklich zu einem Tag des Herrn machen.“
Sonntagschulgründung Tagebucheintrag 1825 Oncken
Sonntagschulgründung Tagebucheintrag 1825 Oncken
Johann Gerhard Oncken (1800–1884)
Johann Gerhard Oncken (1800–1884)

Oncken diente dem Sonntagsschulverein acht Jahre lang als „Secretair“. Er unterrichtete allerdings nicht selbst, da er wegen „pietistischer Umtriebe“ in Hamburg umstritten war. Die Staatskirche und die staatlichen Organe begegneten der Sonntagsschularbeit zunächst sehr kritisch, sogar feindselig. In Hamburg kam es sogar zur zeitweiligen polizeilichen Überwachung des Unterrichts. 1832 trennte sich Oncken vom Sonntagsschulverein, zwei Jahre später begründete er mit weiteren Mitstreitern die erste Baptistengemeinde in Deutschland und damit auch die baptistische Sonntagsschulmission.

Die Sonntagsschule im frühen Baptismus war mehr als nur ein Ort der Bildung. Sie wurde zu einem wichtigen Bestandteil der Gemeindearbeit und der sozialen Bemühungen baptistischer Christen. Sie bot einerseits elementare Bildung für Kinder aus benachteiligten sozialen Milieus an, vermittelte christliche Werte und förderte die soziale Integration von Kindern aus unterschiedlichen Verhältnissen, diente aber auch dazu, zukünftige Gemeindeglieder zu gewinnen und die baptistische Gemeinschaft zu stärken.

Literatur:

  • Kurt Jägemann, Hinsehen und Handeln. Die Gründung der Sonntagsschule in der Hamburger Vorstadt St. Georg 1825. Entwicklungslinien im 19. Jahrhundert. Mit einem Beitrag zu Perspektiven der Sonntagsschul- und Kindergottesdienstarbeit im 21. Jahrhundert von Volkmar Hamp. GJW Berlin 2000
  • Regina Bohl: Die Sonntagsschule in der Hamburger Vorstadt St. Georg. In: Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte, Nr. 67 (1981), S. 138
  • Karl Heinz Vogt: Internationale Sonntagsschule und deutscher Kindergottesdienst. Eine ökumenische Herausforderung. Von den Anfängen bis zum Ende des Deutschen Kaiserreichs. Göttingen 2007
  • Karl Heinz Voigt: Die Sonntagsschule: „In religiöser Hinsicht nicht gefahrlos“. Der Einzug nonkonformistischer Praktiken durch die Arbeit mit Kindern.
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  • Volkmar Hamp: 200 Jahre Sonntagsschule. Material zum GJW-Sonntag 2025.
  • www.gjw.de/fileadmin/content/Edition_GJW/291_GJW-Sonntag_2025.pdf