Singen: eine Quelle des Trostes
Damals …
Obwohl der Kreis um Konrad Grebel 1524 den sächsischen Reformator Thomas Müntzer im fernen Allstedt freundschaftlich ermahnt hatte, in den Gottesdiensten nicht zu singen, schließlich könne man im Neuen Testament nichts darüber lesen („mag nit gut sin, wann wir findet in dem nüwen Testament kein ler von singen, kein bispil“ ), dachten die Täufer nicht daran, auf das Singen zu verzichten. Im Gegenteil: Das Singen wurde ihnen in der Zeit der Verfolgung zu einer Quelle des Trostes. Für das Jahr 1530 ist z.B. aus der Gegend um Jena überliefert, dass verhaftete Täuferinnen und Täufer auf dem Weg ins Gefängnis „mit fröhlicher Stimme“ Martin Luthers Lied „Nun bitten wir den Heil’gen Geist um den rechten Glauben allermeist“ sangen.
Von den ersten Märtyrern der Täuferbewegung, von Felix Manz, Michael Sattler, Hans Hut, Leonhard Schiemer, Hans Schlaffer, Georg Blaurock und Hans Leupold, die zwischen 1526 und 1529 hingerichtet wurden, sind Liedtexte überliefert, die – wie damals üblich – auf bekannte Melodien gesungen wurden. Diese Lieder sowie auch andere Lieder täuferischer Märtyrer wurden gesammelt und in einem Gesangbuch zusammengestellt. Es trug den Titel „Außbundt“ (= die musterhafte, vorbildliche Auswahl). Dessen Kernbestand von 51 Liedern wurde von einer vielleicht 60 Personen umfassenden täuferischen Gruppe verfasst, die zwischen 1535 und 1540 im Kerker des Passauer Schlosses inhaftiert war. Andere täuferische Märtyrerlieder kamen hinzu, wie z.B. ein Lied, das sieben 1529 in Schwäbisch Gmünd hingerichtete Täufer im Gefängnis gedichtet hatten. Erstmals gedruckt wurde die Liedersammlung des Ausbund unter dem Titel „Etliche schöne christliche Gesänge, wie sie in der Gefangenschaft zu Passau im Schloss von den Schweizer Brüdern durch Gottes Gnade gedichtet und gesungen wurden“ im Jahr 1564.
Der Ausbund erlebte viele weitere Auflagen. In Europa erschienen zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert in Köln, Basel oder Straßburg insgesamt elf Ausgaben. Die erste amerikanische Ausgabe des Ausbunds erschien 1742. Der Ausbund ist auch noch heute in den Gottesdiensten der Amischen in Nordamerika in Gebrauch. Er ist die älteste Kirchenliedersammlung, die bis heute ohne Unterbrechung in einer christlichen Kirche genutzt wird.
Literatur- und Medientipps:
- Rudolf Wolkan: Die Lieder der Wiedertäufer: Ein Beitrag zur deutschen und niederländischen Literatur– und Kirchengeschichte. Erschienen als Classic Reprint in der Reihe Forgotten Books, London 2018.
- Astrid von Schlachta und Bernhard Thiessen: Podcast zu Ursula Hellriegel, von der das Lied Nr. 36 im Ausbund stammt: Sendungen Ursula Hellriegel | ERF Süd
- Verschiedene Ausgaben des „Ausbund“: Ausbund: das ist, Etliche schöne christliche Lieder, wie sie in dem Gefängniss zu Passau in dem Schloss von den Schweizer-Brüdern und von andern rechtglaubigen Christen hin und her gedichtet worden – PDF Online Gesamtausgabe | Gesangbuch der Täuferbewegung
- Um einen Eindruck von der Art und Weise zu gewinnen, wie in den nordamerikanischen Gemeinden der Amischen die Lieder des Ausbund gesungen werden, kann man hier einmal hineinhören: Lebt Friedsam
- Lexikonartikel: Gemeindegesang und Gesangbücher der Mennoniten (Europa) [MennLex V]
… und heute
Zum Gedenkjahr 2025 hat der Verein „Gewagt! 500 Jahre Täuferbewegung 1525-2025“ ein Lied in Auftrag gegeben, das die Geschichte der Täufer reflektieren und zu mutigen Schritten in die Zukunft einladen soll. Jan Primke, Liedermacher aus Dortmund und Autor des Liedes „Gewagt! Wir wagen zu träumen“ erklärt: „Seit gut 15 Jahren schreibe ich Songs und mag es, mich tief in unterschiedliche Themen zu graben und dem Ursprung und Kern der Aussagen auf die Spur zu kommen. Die Täuferbewegung ist dabei für mich ein besonders Anliegen, da sie ein weltumspannendes Ereignis, eine Bewegung ist, die hoffentlich noch lange nicht vorbei ist. Als junger Mensch habe ich mich 1998 taufen lassen und bin bis heute in unserer Baptistenkirche (BEFG) aktiv. Bei der Arbeit an dem Lied habe ich so viele kleine und größere Zusammenhänge der Täuferbewegung entdeckt, dass die Arbeit an diesem Lied etwas ganz Besonderes für mich war. Dass Überzeugungen nicht immer nur korrekt und auch dienlich sind, habe ich gelernt – so wie in meinem Leben auch. Selbst, wenn wir meinen, auf dem richtigen Weg zu sein, erkennen wir vielleicht im Rückblick, dass wir anderen Unrecht getan haben und uns selbst einmal in Frage stellen und korrigieren müssen. Beim Schreiben dieses Liedes erinnerte ich mich an viele Stationen meines Lebens und erlebte in der Reflexion über diese Stationen Inspiration für heute.“
Das Prinzip der frühen täuferischen Liederdichter, neue Texte auf alte Melodien zu erfinden, machte sich Bernd Densky im Gedenkjahr 2025 zu eigen. Zu jedem Jahresthema schuf er Texte, die auf bekannte, gängige Melodien zu singen sind:
Themenjahr 2025
gewagt! Bibel leben: Der durch die Bibel sich offenbart (nach der Melodie „Lobe den Herrn, meine Seele“)
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Themenjahr 2024
gewagt! Hoffnung leben: wir haben eine Hoffnung (nach der Melodie „The gospeltrain is coming“)
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Themenjahr 2023
gewagt! gewaltlos leben: Für Frieden starbst du dieser Welt (nach der Melodie „Amazing grace“)
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Themenjahr 2022
gewagt! konsequent leben: Achtet stets auf euer Leben (nach der Melodie „Wachet auf, ruft uns die Stimme“)
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Themenjahr 2021
gewagt! gemeinsam leben: Wir leben als Gemeinschaft
(nach der Melodie „Wir haben einen Felsen“)
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Themenjahr 2020
gewagt! mündig leben: Wir leben alle von der Gnad
(nach der Melodie „Ich möcht‘, dass einer mit mir geht)
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