Von der Freiheit des Gewissens und des Glaubens
Der Täufer und Laientheologe Leupolt Scharnschlager, der 1530 aus Tirol vertrieben wurde und Zuflucht in Straßburg fand, trat 1534 in einem leidenschaftlichen, biblisch begründeten Appell gegenüber dem Rat der Stadt für die Gewährung von Glaubens- und Gewissensfreiheit auch für die Täufer ein:
„Meine Herren, als Vertreter des weltlichen Schwertes, wisst, dass Ihr über den Glauben nicht zu herrschen habt, wie eure Vorsteher und Prediger, der Luther und Zwingli, geschrieben haben (…). Meine lieben Herren, Ihr sagt und treibt uns, wir sollten unserm Glauben absagen und Eurem Glauben zufallen. Das ist genauso, wie wenn der Kaiser zu Euch sagte, Ihr solltet Eurem Glauben absagen und dem seinigen zufallen. (…) Ich habe nicht den geringsten Zweifel, dass Ihr wisst, dass der Glaube und das Gewissen des Glaubens ohne Tyrannei, frei und ungezwungen sein sollen. (…) Ich bitte Euch, meine Herren, geht in Euch selber und betrachtet doch auch unsere Not. Weil Ihr Euch für Christen haltet, für Kinder der Liebe Gottes, so lasst uns doch das christliche Recht zuteil werden, wie Ihr wollt, dass es Euch der Kaiser zuteil werden lasse.“ (In: Heinold Fast (Hg.): Der linke Flügel der Reformation. Glaubenszeugnisse der Täufer, Spiritualisten, Schwärmer und Antitrinitarier, Bremen 1962, S. 117-130)
Das Eintreten für Gewissens- und Religionsfreiheit gehörte von Anfang an zur baptistischen Identität. Schon in der ersten Gemeinde in Amerika, die Roger Williams 1638 in Rhode Island gründete, wurden die Prinzipien der Trennung von Staat und Kirche und die Gewissens- und Religionsfreiheit umgesetzt. Auch für den deutschen und damit kontinental-europäischen Baptismus forderte Julius Köbner, einer der Gründungsväter des Baptismus in Deutschland, in seinem „Manifest des freien Urchristentums an das deutsche Volk“ 1848 die Gewissens- und Religionsfreiheit.
Aus dem Obigen wird es Jedem klar sein, daß wir dem Prinzipe der Religionsfreiheit huldigen. Wir empfangen diese edle Freiheit nicht erst heute aus der Hand irgendeiner Staatsgewalt, wir haben sie seit 15 Jahren als unser unveräußerliches Gut betrachtet, und sie, wenn auch auf Kosten unsrer irdischen Habe und Freiheit, fortwährend genossen. Aber wir behaupten nicht nur unsre religiöse Freiheit, sondern wir fordern sie für jeden Menschen, der den Boden des Vaterlandes bewohnt, wir fordern sie in völlig gleichem Maße für Alle, seien sie Christen, Juden, Muhamedaner oder was sonst.
Literatur- und Medientipps:
- Julius Köbner: Manifest des freien Urchristentums an das deutsche Volk. Herausgegeben, eingeleitet und kommentiert von Markus Wehrstedt und Bernd Wittchow. WDL-Verlag Berlin, 978-3-86682-102-6.pdf
- Audio: „Frei und gleich“. Beitrag von Pastorin Andrea Schneider im Deutschlandfunk zu Köbners „Manifest“: Frei und gleich | rundfunk.evangelisch.de
Frei und Gleich! Die Baptistenkirche Berlin-Wedding als Beispiel gelebter Religionsfreiheit
(Auszug aus dem Rundfunkbeitrag von Andrea Schneider)
Ein schönes Beispiel dafür ist die Baptistenkirche in Berlin-Wedding. Ein schlichter, aber gemütlicher Gemeindesaal, diverse Musikinstrumente, Spielteppich und Bobbycars. Gottesdienst mit jungen Familien und Senioren, mit Menschen verschiedenster Herkunft, Hautfarbe und sozialem Status. Mit aktueller Predigt und persönlichen Erfahrungen. In der Mitte des Gottesdienstes eine Begegnungsrunde mit Kaffee und Klönen. In der Woche ein Stadtteilcafé für arabische Frauen aus dem Kiez, Nachhilfepatenschaften, ein Winterspielplatz, Musikunterricht für Kinder. Pastor Peter Jörgensen beschreibt seine Gemeinde so: „Uns ist es wichtig, alle willkommen zu heißen, also nicht exklusiv zu sein. Und insofern ist es ein großes Kompliment für uns, wenn Menschen zu uns kommen, die es sonst im Leben schwer haben.“
An jedem Freitagabend sieht’s nochmal wieder anders aus im Gemeindezentrum der Baptisten. Da sind die Stühle weggeräumt im Kirchsaal. Teppiche liegen auf dem Boden und ca. 100 Männer und auch einige Frauen knien darauf, zum Gebet angeleitet von einem vierzigjährigen Mann in weißem Hemd und schwarzer Hose, mit kurzem Bart und freundlichen Augen. Freitagsgebet der „Stiftung Islam in Deutschland“. Ihr Gründer und Leiter ist Imam von Andrea schneider. Er war deutschlandweit bekannt geworden als islamistischer Prediger der Al-Nur-Moschee in Berlin und als Youtuber mit radikalen Hass-Botschaften.
Aber Kamouss ist nicht mehr der, der er war. Er hat sich gewandelt. Vom Salafisten zum Friedensprediger. Vom Saulus zum Paulus sozusagen. Eine persönliche Krise, viele Gespräche, viel Lesen und Nachdenken haben seine radikalen Schwarz-Weiß-Gewissheiten bröckeln lassen. Sein Credo heute: Freiheit im islamischen Glauben und Religionsfreiheit für alle. Der Dialog mit Christen und Atheisten. Dafür hat er seine Stiftung gegründet. Gerade auch muslimische Jugendliche will der frühere Hassprediger vor der Radikalisierung bewahren. Will dazu beitragen, dass Muslime sich in die deutsche Gesellschaft integrieren. Die Stiftung bietet Töpferkurse an, Familienberatung, einen Theaterworkshop, eine Pfadfindergruppe. Für alle. Von den eigenen Leuten wird Kamouss für seine Arbeit kritisiert, ausgegrenzt, bedroht. Seine Stiftung hat keinen Ort. Deshalb ist sie Gast bei den Baptisten.
Nach dem Freitagsgebet werden die Teppiche eingerollt, die Stühle wieder hingestellt, der Abendmahlstisch geschmückt. Denn am Sonntag ist natürlich wieder Gottesdienst. Ein spannendes Experiment von Gastfreundschaft! Nicht unumstritten in frommen Kreisen. Aber, wie ich finde, ur-baptistisch. Ur-christlich. Jedenfalls wenn man Köbners „Manifest vom freien Urchristenthum“ liest und seine Forderung nach Religionsfreiheit: „Wir behaupten sie für jeden Menschen, der den Boden des Vaterlandes bewohnt, wir fordern sie in gleichem Maße für Alle, seien sie Christen, Juden, Muhamedaner oder sonst was.“ Ein wirklich steiler Satz! Aktueller geht es gar nicht, heute, in diesen Zeiten von Hate-Speech und Fake-News, von Abgrenzung und Intoleranz, gerade auch dem Islam in Deutschland gegenüber.
Pastor Peter Jörgensen: „Vermutlich kennen die wenigsten in unserer Gemeinde das Manifest von Köbner. Aber über die Sache haben wir intensiv miteinander gesprochen, richtig diskutiert. Und wir erleben jetzt, wie dankbar und fröhlich unsere muslimischen Freundinnen und Freunde sind, bei uns einen geschützten Raum, ein vorübergehendes Zuhause, gefunden zu haben. Und wir fühlen nach, wie es umgekehrt für uns wäre, in einem anderen Umfeld diese Gastfreundschaft zu erleben. Ihr Glück macht auch uns glücklich…“