Albertine assor

Diakonissen: ein vergessener Frauenberuf

Von Anfang an gehört der Dienst für Notleidende zum Selbstverständnis mennonitischer und baptistischer Gemeinden. Albertine Assor gründet 1927 das erste baptistische Krankenhaus.

Die Anfänge

Die nach 1525 entstehenden Täufergemeinden entwickelten schon früh Strukturen, um in Not geratenen Glaubensgeschwistern zu helfen. So wurde z.B. in Straßburg, einer Stadt, in der Täufer um 1530 etwa ein Zehntel der Stadtbevölkerung ausmachten, eine Versorgung der vielen aus der Schweiz oder den habsburgischen Ländern geflohenen Täufer organisiert. In einer Quelle heißt es über die Straßburger Täufer: „Sie haben ein diaconum gehabt, und einige sind zu den Brüdern gesandt worden, um in einer Büchse Geld zu sammeln.“

In den mennonitischen Bekenntnissen des 16. und 17. Jahrhunderts, dem Konzept von Köln (1591) und dem Dordrechter Bekenntnis (1632), die beide überregionale Bedeutung erlangten, ist das Amt des Diakons bereits fest verankert. Diakone waren für die Armenfürsorge zuständig, d.h. sie leiteten die Spenden der Gemeindeglieder an Bedürftige weiter. Im Dordrechter Bekenntnis werden auch Diakonissen erwähnt, die sich um Witwen und Waisen kümmerten. 1710 gründeten die Mennoniten in den Niederlanden eine Hilfsorganisation zur Unterstützung der verfolgten Glaubensgeschwister aus der Schweiz. Auch hugenottische Flüchtlinge wurden in die Hilfe einbezogen. Dass Diakonie bereits zur Zeit Menno Simons‘ nicht auf die eigene Glaubensgruppe beschränkt blieb, ist auch an der von ihm selbst überlieferten, im Winter 1553 durchgeführten Hilfsaktion zugunsten der reformierten Flüchtlinge und Anhänger von Johannes a Lasco, die auf der Ostsee vor Wismar eingefroren waren, erkennbar.

20. Jahrhundert

1904 beschlossen die Verantwortlichen der süddeutschen Mennoniten, ein Diakonissenwerk ins Leben zu rufen. In der evangelischen Diakonissen-Anstalt in Karlsruhe-Rüppurr wurden die zukünftigen mennonitischen Diakonissen ausgebildet. Sie wurden in der Krankenpflege eingesetzt, während des Ersten Weltkrieges auch als Lazarettschwestern, und seit 1924 in der Hauswirtschaft und der Gästebetreuung des mennonitischen Bibelheims Thomashof bei Karlsruhe, das auch als Mutterhaus für die mennonitischen Diakonissen diente. Neben der Krankenpflege waren die Diakonissen auf dem Thomashof auch in der Betreuung und Versorgung alter Menschen tätig. Als 1988 die letzte Diakonisse starb, ging eine Ära mennonitischer Diakonie zu Ende.

Auch in Burgweinting bei Regensburg lebten seit 1931 mennonitische Diakonissen, die auf der Hensoltshöhe ausgebildet worden waren. Die Pläne, dort eine Diakonissen-Ausbildungsstätte zu errichten, mussten jedoch aufgegeben werden, weil es nur wenige Interessentinnen gab. So wurde beschlossen, das Haus als Altenheim zu verwenden.

Albertine Assor, baptistische Diakonisse und Begründerin des ersten baptistischen Krankenhauses

Albertine Assor, 1863 in Zinten/Ostpreußen in eine baptistische Familie hineingeboren (der Vater war zunächst Maurerpolier, dann Kolporteur und Prediger), ließ sich ab 1891 in Berlin als Schneiderin ausbilden. Gleichzeitig war sie im Gemeindedienst und in der Sonntagsschularbeit aktiv. Seit 1902 gehörte sie dem Diakonissenhaus „Tabea“ in Altona an, das der dortigen Baptistengemeinde angeschlossen war. Sie übernahm dort bald die Führungsposition als Oberin. Nach einem Zerwürfnis mit dem Vorstand von „Tabea“ trat Albertine Assor mit acht weiteren Schwestern aus der Diakonissengemeinschaft aus und gründete 1907 ein neues Diakonissenhaus unter dem Namen „Siloah – Vereinigung gläubig getaufter Schwestern zur Ausübung christlicher Liebestätigkeit in der Krankenpflege und in anderen Werken der Nächstenliebe“. Über den Bruch mit dem Vorstand von Tabea schrieb sie in ihren Lebenserinnerungen: „Es war nur das gekommen, was verständige Frauen und auch ich vorausgesehen hatten, was aber der Vorstand, der nur aus Männern bestand, nicht beurteilen konnte. Ohne Zweifel meinten alle, das Beste zu tun. Nach Verstehen und Wissen war alles gut eingerichtet. Dass es trotzdem, nun schon zum dritten Mal, zum Umbruch mit Tabea kam, konnten sie nicht begreifen“.

1909 übernahm „Siloah“ ein Mädchenheim. Schon 1918, als ein Mutterhaus in Eimsbüttel erworben wurde, war die Diakonissengemeinschaft auf 60 Schwestern angewachsen. Alle waren ausgebildete Krankenschwestern. 1925 wurde Albertine Assor Oberin des von ihr gegründeten Diakonissenvereins „Siloah“. Ihrer Tatkraft ist es zu verdanken, dass die Diakonissen 1927  ein Krankenhaus pachteten, das spätere Albertinen-Krankenhaus. Zuvor hatten die Diakonissen in der ambulanten Pflege oder als angestellte Schwestern in Krankenhäusern gearbeitet. Nun übernahmen sie selbst Verantwortung für ein Krankenhaus. 1928 wurde das Erholungsheim Helenenquelle in Bad Pyrmont übernommen und bis 1972 betrieben.

Albertine Assor sorgte dafür, dass es „ihren“ Diakonissen gut ging. So wurden sie in die Angestelltenversicherung überführt, sodass die alten Schwestern nicht davon abhängig waren, von den jungen Schwestern versorgt zu werden.

Nach Assors Pensionierung im Jahr 1941 wurde das Siloah-Krankenhaus ihr zu Ehren und unter dem Druck des Nationalsozialismus in „Albertinenhaus“, später in „Albertinen-Krankenhaus“ umbenannt.
Ihren „Feierabend“ verbrachte Albertine Assor in der ostpreußischen Heimat. Im Winter 1945 gelang ihr die Flucht über die Ostsee und die Rückkehr ins Mutterhaus nach Hamburg, wo sie 1953 starb. An Albertine Assor wird auf einem Gedenkstein im „Garten der Frauen“ auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg erinnert. 1993 wurde im Hamburger Stadtteil Schnelsen die Albertine-Assor-Straße nach ihr benannt.

Literatur:

  • Albertine Assor: Deine Augen sahen mich. Ungeschminkte Ansichten einer Hamburger Mutterhaus-Oberin. Bearbeitet und ergänzt von Frank Fornaçon, Ahnatal 2007